Aber Goethe hat den Dramatiker Kotzebue auch wieder gelten lassen. In einem Brief an C. v. Knebel vom 17. März 1817 heißt es: Denn er bleibt in der Theatergeschichte immer ein hochst bedeutendes Meteor. Goethe, der einige Stücke Kotzebues selbst fur die Bühne bearbeitet hat, bewunderte zum mindesten sein ausgezeichnetes Talent fur alles, was Technik betrifft und nimmt als Theaterintendant sogar seine Partei: Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat, die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen, so wußte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den er auf mein Wesen und Vornehmen ausgeubt, zu verachten, zu schelten oder gar zu leugnen; vielmehr glaube ich alle Ursache zu haben, mich seiner Wirkungen zu freuen und zu wunschen, daß er sie noch lange fortsetzen moge.
Die Vorwurfe gegen Kotzebue blieben immer die gleichen: Plattheit, Frivolitat, Sitten- und Standpunktlosigkeit. Den Siegeszug seiner vielen dramatischen Werke konnten sie nicht aufhalten. Wenig ließ er sich durch seine Kritiker anfechten und ruhmte sich statt dessen, ein Stück in drei Tagen fertig schreiben zu können. Von der klassischen Tragodie hielt er nicht viel, wenn er auch in seiner kurzen Zeit am Wiener Burgtheater (1797 - 1799) die dortige Urauffuhrung von Goethes Iphigenie vermutlich mit Mißbehagen vorbereitet hat. Das Theater war für ihn keine moralische Anstalt; es sollte noch nicht einmal direkt belehren und erziehen, wie es Iffland, mit dem er durchaus zu Unrecht immer wieder zusammen genannt wird, mit seinen bürgerlichen Familienstücken beabsichtigte.
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Der skeptische Kotzebue war weit eher ein ästhetischer Gourmet und weitgereister Weltbürger als ein gesinnungstreuer Moralist. Sein Theater wollte nur unterhalten, und darum blieb der Beifall des Publikums für ihn der alleinige Maßstab. Im Vorbericht zu Der Graf von Burgund hieß es: Ich weiß selbst besser als irgendein Rezensent, daß ich keine Meisterstücke schreibe, und daß mir als Schauspieldichter nur ein untergeordneter Rang gebührt. Die Wirkung meiner Stücke ist hauptsächlich für die Bühne berechnet; diesen Zweck erreichen sie, und aus diesem Gesichtspunkte sollte man sie beurteilen; aber das will man nicht. Nun so fahre man in Gottes Namen fort zu schmähen wie bisher. Das Publikum, welches mir nun jahrelang Gerechtigkeit widerfahren ließ, wird mir hoffentlich auch in Zukunft Öl gegen diese Mückenstiche liefern. In dem für diese Epoche charakteristischen Widerstreit zwischen Drama und Theater hat Kotzebue von Anfang an sich eindeutig für das zweite entschieden. Wo er nicht ganz sicher war, wie sein Publikum reagieren könnte, da ließ er ein historisch-dramatisches Gemälde wie Die NegersKlaven (1796), das sozialkritisch die Leiden der Neger behandelt, gleich mit zwei zur Wahl gestellten Ausgängen erscheinen, einem tragischen und einem versöhnenden, und hob damit seine eigene Sozialkritik weitgehend wieder auf. Aber darüber brauchte er nur selten nachzudenken; denn der Erfolg der Kotzebueschen Stücke beruhte nicht zuletzt darauf, daß sich das happy end schon frühzeitig ankündigte und das Publikum nicht darauf zu warten brauchte, sondern den glücklichen Ausgang schon im vorweg genießen durfte.
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